Kirsten Dietz: Hungrig bleiben

Foto © Gerhard Kassner
Unzufriedene Mitarbeiter sind der erste Voraussetzung, um eine erfolgreiche Agentur zu werden – so die Ausgangsthese von Kirsten Dietz. Ihre Agentur Strichpunkt ist dafür der beste Beweis. Dietz ist Mitglied im Type Directors Club New York, beim ADC Deutschland und dem D&AD London. Mit Stichpunkt sammelte sie in den letzten zehn Jahren über 500 internationale Auszeichnungen und gewann den Titel „Beste Agentur des Jahrzehnts“. Ihren Vortrag auf der TYPO Berlin 2012 nennt sie „The future belongs to the brave. Sieben Thesen zu nachhaltig erfolgreichem Design“.
Als ein positives, besonders produktives Beispiel für Zusammenarbeit – Zusammendenken! – beschreibt sie den Auftrag für das Staatstheater Stuttgart. Vor der Entwicklung des neuen Corporate Design hat sich Strichpunkt intensiv mit den vier Intendanten, mit Regisseuren und anderen Beteiligten über deren Werte und Vorstellungen auseinander gesetzt. Das Ergebnis: Eine Faust als Logo. Der Skandal war perfekt. DIE Faust im Foto wurde zum Stadtgespräch – weit mehr als DER Faust, mit dem die Bühnensaison eröffnet wurde – und das Staatstheater Stuttgart schlagartig weithin bekannt, dann auch als Theater des Jahres.
Im weiteren Verlauf zeigt Kirsten Dietz mehr gelungene Gestaltung, zum Beispiel schöne E-Books, die sogar als Offline-E-Books produziert wurden, und das handschriftbasierte CD für die Ruhr-Triennale. Dietz betont, dass für solche Arbeiten die interne und nicht immer harmonische Auseinandersetzung zwischen Chefs und Mitarbeitern extrem wichtig ist.
Kirsten Dietz’ nächster Tipp für erfolgreiches Arbeiten lautet „accept failure“: Wir müssen Fehler und Irrwege akzeptieren. Und sie möglichst mit Humor tragen, wie, so ihr Beispiel, den vergessenen 31. Dezember in einem Kalender für Marecedes Benz, Auflage 60.000. Oder das grüne Blatt-Logo mit Pluszeichen als neues Markenzeichen für einen Ökostrom-Anbieter, das von einem Bottroper Kompostanlagenhersteller prompt als „hatten wir vorher schon“ reklamiert wurde.
Als letzten Tipp gibt uns Kirsten Dietz das „never give up“ auf den Weg, das in all ihren Arbeiten durchschimmert. Beim Auftraggeber Scheufelen hat Strichpunkt diverse Chefs, Marketingleiter und andere Ansprechpartner „überlebt“. Und immer wieder Sensationelles produziert, wie den Jubiläumskalender, umgesetzt mit immensem Aufwand (auf eigene Kosten) und einem irrsinnigem Ausschuss von 20.000 Blatt – bei einer Auflage von rund 1.000 exklusiven Exemplaren. Sehr schön. Aber: nachhaltig?
Das wirft uns zurück auf die Kernfrage: Können Design, hochwertige Gestaltung und aufwändige Produktionsverfahren überhaupt nachhaltig sein? Bergen sie das Unnachhaltige nicht sowieso schon in sich? Der Abschlussfilm von Kirsten Dietz zeigt schöne Arbeiten. Eine besonders schöne Headline springt mich an (mehr noch als die Zusammenfassung der sieben Thesen von Kirsten Dietz, deren Anfangsbuchstaben das Wort „sustain“ ergeben): „Sun at work“.
Danke für den erhellenden Vortrag, Kirsten Dietz!
Autorin: sonja knecht (Twitter @sk_txet)
Kommentare sind geschlossen.