Foto: © Gerhard Kassner

Den zweiten Tag der Typo beginnt in der Hall der legendäre Schweizer Typograf und Buchgestalter Jost Hochuli.

Die Stationen von Hochulis Ausbildung waren das Studium an der Kunstgewerbeschule St. Gallen, die Arbeit als Setzer bei der Druckerei Zollikofer; eine Weiterbildung an der Kunstgewerbeschule Zürich und schließlich der Abschluss 1959 in Adrian Frutigers Klasse an der Pariser Ecole Estienne. Seither arbeitet Hochuli als freischaffender Designer und Typograf, spezialisiert auf Buchgestaltung. Er war 1979 Mitbegründer und Gestalter der VGS Verlagsgemeinschaft St. Gallen und lehrt seit 1967 an Schulen in Zürich und St. Gallen. Er war Herausgeber der jährlich erscheinenden »Typotron«-Broschürenserie (1983-1998) und der Edition »Ostschweiz« (seit 2000).

Hochulis Vita und Erfahrungen machen seinen Vortrag zu einem lebendigen Zeugnis der Phase der typischen Schweizer Typografie in den 50er und 60er Jahren.

Als Einführung geht er auf die Verbindung von Bauhaus und Schweizer Typografie ein und hier besonders auf das Verhältnis von Jan Tschichold und Max Bill. Tschichold, der in den 20er Jahren stark durch die Neue Typographie des Bauhaus geprägt wurde, wandte sich später in seiner Schweizer Zeit radikal davon ab und griff zum Beispiel wieder den traditionalistischeren Mittelachsensatz auf. Max Bill, der Tschichold persönlich kannte und sogar, so Hochuli „sehr sicher aber nicht endgültig beweisbar“, diesem 1933 zur Flucht aus Deutschland in die Schweiz verhalf, war enttäuscht über diesen Schritt. Die Frage der Mittelachse oder der asymmetrischen Anordnung in der Typografie wurde zum Glaubenskrieg.

So wetterte Bill in den SGM (Schweizer Graphische Mitteilungen) gegen Tschichold. Er schlug einen rüden Ton an, nannte ihn einen „Verräter an der Moderne“. Jost Hochuli zeigt aber, dass auch Bill in seinen Arbeiten oft mit einer subtilen Mittelachse arbeitete.

Cover von Emil Ruder – Typography

Während Jost Hochulis Ausbildung führte eine andere Frage zum Glaubenskrieg unter Typografen: Univers oder Helvetica. Hochuli erinnert sich an etwas boshafte Kommentare aus dieser Zeit, vor allem von den Basler Typografen – auch von sich selbst, wie er gesteht – dass die Helvetica doch eher in Deutschland als in der Schweiz Fuß fassen würde, ja sogar plump und banal sei und deshalb Germanica heißen solle. Die Rache der Helvetica folgte, erzählt Hochuli. Ausgerechnet mit einer Arbeit, für die er die Helvetica verwenden musste, ist er in Richard Hollis Buch „Swiss Graphic Design” vertreten.

Die Rache der Helvetica bekam aber auch die Haas’sche Schriftgießerei zu spüren. Das Basler Unternehmen musste damit leben, dass die Helvetica bei Zürcher Typografen beliebt aber von den Baslern um Emil Ruder, Armin Hofmann, Rudolf Hochstädter, Theo Ballmer und den Brüdern Eidenbenz geschmäht wurde. Und das, obwohl laut Hochuli Zürcher normalerweise nichts aus Basel mögen und umgekehrt. Man kann sich im Publikum anschaulich vorstellen, wie die Vertreter der einen Schule gegen die anderen wetterten.

Den Begriff „Schweizer Typografie“ findet Jost Hochuli irreführend. Der Begriff repräsentiere nur einen Stil in der Deutsch-Schweiz der 1930er – 60er Jahre. Den Schweizer Theo Frey hätte Richard Hollis zum Beispiel nicht in seinem Buch zeigen können, denn Freys Stil sei nicht offensichtlich genug sofort als „Schweizer Typografie“ einzuordnen.

Jost Hochuli empfiehlt dem Publikum frei nach Kant, den Mut zu haben, sich sein eigenes Urteil zu bilden und ruft auf zu: DOWN WITH DOGMA!

(Foto: Gerhard Kassner)

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