Tja, da werden die wenigen Langschläfer sich wohl tierisch ärgern. Alle anderen, die sich nach einer langen Berliner Nacht (jedenfalls in den meisten Fällen) für Sagmeister auf die Typo begeben haben, haben das sicher nicht bereut. Schlicht beginnt es um 11.08 Uhr: „Hallo“ sagt der schlacksige Kerl, der wohl niemals altert. Schlicht endet auch alles, exakt 59 Minuten später, mit einem „Dankeschön“ und tosendem Applaus. Dazwischen gibt’s einen steifen Penis, ein Spinnennetz, Affen (natürlich mit Bananen), mehrere Verhaftungen und vieles mehr.

Doch von vorne weg. Charmant und bescheiden leitet Sagmeister ein: „Ich werde lediglich ein paar Dias ablesen“, um gleich danach von einem sonntäglichen Aquariumsausflug samt Freundin zu berichten. Die Pointe gelingt; spätestens beim steifen Penis des Seebullen sind alle aufgewacht. Beeindruckende Leistung nach vier Minuten. Weiter geht’s mit einem Logo für’s Casa da Musica. Einfach das Gebäude umgewandelt. Das kommt an beim Publikum. Insbesondere da Sagmeister gesteht: „Da bin ich erst sehr spät drauf gekommen.“ Erst zehn Minuten sind vergangen, doch keiner denkt auch nur daran, auf die Uhr zu gucken.

Stefan Sagmeister

Steifer Penis, Spinnennetz und Affen mit Bananen. Stefan Sagmeister auf der TYPO 2008.

Der Hauptteil. 20 Sätze aus Stefans Tagebuch, die sein Genie offenbaren. Mit Umsetzungen, die keiner der Zuhörenden wohl so schnell vergisst.

Beispiel gefällig? Weiße Affen zur Umsetzung des Satzes: „Everybody thinks they are right.“ Übrigens bis heute im Umlauf, nächste Station Louisville. Oder einfach mal völlig andere Wege bei einer Ausstellung zu wählen. Hunderte Drinks für den Slogan: „Low expectations are a good strategy“, verfehlen ihre Wirkung nicht.

Dazwischen gewährt der gebürtige Österreicher durchaus Einblicke in sein Privatleben, indem er zum Beispiel die arrangierte Hochzeit seiner Eltern lobt. Oder von seinen Vorbildern spricht. Hier kommt er sofort auf seinen Großvater zu sprechen, einen Schildermacher, den Sagmeister nie kennen gelernt hat.

Was bleibt sonst noch hängen? Wohl die drei Ideen, die Stefan selbst als seine Besten bezeichnet.

1. Tagebuch führen

2. Ein kundenfreies Jahr

3. Studio immer klein halten

Bei mir selbst bleibt etwas ganz anderes hängen: Genialität ist auch in Kürze möglich!

Text: Sebastian Kemnitzer (creativevillage) Foto: gerhardkassner.de